Woran erkennt man hochwertigen Kaschmir im Onlineshop?
Die einfachste Antwort wäre: anfassen. Genau das macht den Onlinekauf von Kaschmir schwierig.

Sehr weicher Kaschmir ist nicht unbedingt der beste. Manche Stücke geringerer Qualität fühlen sich anfangs unglaublich weich an, weil die Fasern stark aufgeraut oder behandelt wurden. So entsteht ein sofortiger Eindruck von Weichheit.
Online lässt sich nicht einmal dieser Eindruck prüfen.
Guter Kaschmir entsteht lange bevor ein Pullover gestrickt wird.
Das eigentliche Problem zeigt sich oft erst später: Der Pullover bildet übermäßig Knötchen, verliert seine Form oder sieht nach wenigen Malen Tragen müde aus.
Worauf sollten wir also achten, wenn Weichheit allein nicht reicht?
Beginnen wir bei der Faser.
Die Faser
Kaschmir stammt aus der feinen Unterwolle der Kaschmirziege. Besonders begehrte Fasern kommen traditionell aus Gegenden wie der Mongolei und der Inneren Mongolei.
Geschätzt werden sie für eine Verbindung aus Feinheit, Länge, Reinheit und Gleichmäßigkeit.
Loro Piana etwa hat viel Erfahrung mit der Auswahl besonders feinen mongolischen Kaschmirs aufgebaut; der Durchmesser seines Baby Cashmere kann bei etwa 13,5 Mikrometern liegen.
Feinheit allein genügt jedoch nicht.
Auch die Länge zählt.

Längere Fasern ergeben tendenziell festere, gleichmäßigere Garne, die weniger stark zur Knötchenbildung neigen. Mehr Faser bleibt im Garn verankert, statt sich durch Reibung herauszulösen.
Deshalb sprechen einige der besten italienischen Garnhersteller schon über die Faserauswahl, bevor überhaupt vom fertigen Pullover die Rede ist.
Cariaggi spinnt beispielsweise seit 1958 in den Marken Kaschmir und zählt zu den bekanntesten italienischen Spezialisten für Garne.
Das zeigt: Guter Kaschmir beginnt lange vor dem Stricken.
Am Anfang steht die Rohfaser. Danach folgen Garn, Strickprozess und Ausrüstung. Jeder Schritt verändert das Ergebnis.
Das Strickbild
Was lässt sich auf einer Produktseite beurteilen?
Zuerst: hineinzoomen. Sehen Sie sich die Oberfläche des Gestricks an.
Guter Kaschmir darf einen feinen Flaum haben. Wirkt der Pullover auf den Fotos jedoch bereits extrem flauschig oder stark aufgeraut, ist Vorsicht angebracht.
Ein sehr flauschiges Finish kann kürzere Fasern verbergen und Weichheit erzeugen, die nicht unbedingt lange anhält.
Betrachten Sie dann das Strickbild. Die Maschen sollten gleichmäßig und kontrolliert aussehen, nicht locker und schlaff.
Ein leichter Kaschmirpullover kann hervorragend sein. Leicht ist aber nicht dasselbe wie lose gestrickt.
Eine gute Verarbeitung gibt dem Stoff Zusammenhalt und genug Spannung, um die Form zu bewahren.
Das CCMI weist darauf hin, dass ein lockeres, schlaffes Gestrick ein Zeichen günstigerer Verarbeitung sein kann.
Gerade hier verraten Produktfotos viel: Schauen Sie auf Bündchen, Saum, Ausschnitt und Schulternähte.
Haben sie eine klare Form oder wirken sie bereits ausgeleiert und wellig?
Wie fällt der Pullover am Model? Behält er trotz seiner Weichheit und Leichtigkeit eine erkennbare Form oder fällt er völlig in sich zusammen?
Das Etikett
Lesen Sie die Produktbeschreibung. Erzählt die Marke mehr als nur „100 % Kaschmir“?
Woher kommt die Faser? Wer hat das Garn gesponnen? Ist es kardiert oder gekämmt? Wie viele Fäden sind verzwirnt? Wo wurde das Stück gestrickt?
Je mehr die Marke über diese Schritte erklärt, desto weniger müssen Sie die Qualität allein nach dem Etikett beurteilen.

Gehen Sie nicht davon aus, dass mehr verzwirnte Fäden automatisch besser sind.
„Zweifädig“ bedeutet nur, dass zwei Fäden zu einem Garn verzwirnt wurden. Ein Pullover aus zwei hochwertigen Fäden kann besser sein als ein schwererer aus drei oder vier minderwertigen.
Die Anzahl der Fäden verändert Gewicht, Stärke und Struktur des Gestricks. Sie steht nicht automatisch für besseren Kaschmir.
Ein weiterer Hinweis ist der Hersteller des Garns. Einige der angesehensten Namen Italiens stehen nicht auf dem fertigen Etikett: Es sind die Spinnereien hinter dem Kleidungsstück. Cariaggi gehört dazu.
Loro Piana ist eine weitere wichtige Referenz, weil das Unternehmen einen ungewöhnlich großen Teil der Kette kontrolliert: von der Beschaffung der Faser über das Spinnen bis zum fertigen Kleidungsstück.
In der Hand
Und beim Kauf im Geschäft? Dann können Sie Ihre Hände einsetzen.
Fühlen Sie den Pullover, aber lassen Sie sich nicht allein von der Weichheit überzeugen. Guter Kaschmir fühlt sich weich an, nicht künstlich aufgeplustert oder fast glitschig. Extreme Weichheit kann von der Ausrüstung statt von einer besseren Faser kommen.
Dehnen Sie das Gestrick vorsichtig: Es sollte in seine Form zurückfinden.

Reiben Sie sanft über die Oberfläche. Auch guter Kaschmir kann etwas pillen, besonders an Stellen mit viel Reibung. Lösen sich aber schon im Laden auffällig viele Fasern, sollten Sie aufmerksam werden.
Halten Sie das Gestrick gegen das Licht. Sofern das Design es nicht verlangt, sollte es nicht übermäßig offen sein. Prüfen Sie Nähte und Kanten.
Bündchen, Ausschnitt und Saum sollten stabil und gut verarbeitet wirken, nicht schwach oder schon ausgeleiert.
Fragen Sie über den Pullover hinaus nach dem Garn, seiner Herkunft und der Spinnerei. Wurde das Stück in Italien, Schottland, der Mongolei oder anderswo gestrickt?
Je mehr Schritte wir verstehen, desto weniger verlassen wir uns allein auf das Etikett.
Ein gutes Fachgeschäft sollte mehr sagen können als „100 % Kaschmir“.
Vielleicht lässt sich Qualität so am einfachsten verstehen: Je mehr Schritte der Herstellung wir nachvollziehen können, desto weniger sind wir allein auf das Etikett angewiesen.
Zwei Pullover können dieselbe Materialangabe tragen und trotzdem grundverschieden sein.

Einer besteht vielleicht aus längeren, feineren Fasern, ist dicht und gleichmäßig gestrickt, sorgfältig ausgerüstet und für ein langes Leben gemacht. Der andere soll womöglich nur in den ersten zehn Sekunden beeindrucken.
Online wie im Geschäft bleibt die Frage dieselbe: Was ist mit diesem Kaschmir geschehen, bevor er zum Pullover wurde?
Das Etikett sagt uns, um welches Material es sich handelt.
Es sagt uns nicht, wie gut es ist.



